Wie Zoos Tiere tauschen:
Suche Koala, biete Schneeleopard
Der Spiegel, 17.03.2025
Artikel von Christine Frischke
Ein Wildtier fangen und in einen Käfig sperren? Das ist heute für Zoos nicht mehr erlaubt. Die Tierparks sorgen auf anderem Weg für Nachschub: Sie tauschen Tiere.
Da hinten zwischen den Zweigen sitzt er«, sagt Volker Grün. Er deutet auf ein graues Pelzknäuel auf einem Baum vor ihm. »Das ist Navy.« Navy ist ein Koala. Im Moment hat er Volker Grün den Rücken zugedreht und döst vor sich hin. Im vorigen Jahr ist Navy mit drei anderen Koalas von Australien um die halbe Welt geflogen. Die Tiere, zwei Männchen und zwei Weibchen, leben jetzt im Stuttgarter Zoo Wilhelma.
Volker Grün hat ihre Ankunft mit vorbereitet. Er hofft, dass sich die Koalas schnell eingewöhnen – und irgendwann Babys bekommen. Denn Grün ist nicht nur Biologe und stellvertretender Zoodirektor in Stuttgart. Er ist auch Koala-Experte und organisiert die Zucht in Europa. In der Natur suchen sich Tiere selbst einen Partner oder eine Partnerin. In Zoos übernehmen das Menschen wie Volker Grün.
In den heutigen Zoos haben nur wenige Tiere einmal in freier Wildbahn gelebt. Die meisten sind schon im Zoo geboren worden. Weltweit tauschen Zoos Tiere untereinander. So wollen sie Inzucht vermeiden, das heißt, es sollen nur Tiere Nachwuchs miteinander bekommen, die nicht verwandt sind. Sonst könnten sich Krankheiten verbreiten.
Der Stuttgarter Zoo hat zum Beispiel einen Wombat aus Kopenhagen bekommen. Und einen Schneeleoparden nach Magdeburg geschickt. Die Zoos übernehmen nur die Transportkosten, für die Tiere müssen sie nichts bezahlen.
Damit beim Tiertausch kein Chaos entsteht, gibt es Leute, die die Übersicht haben: sogenannte Koordinatoren. Wer in Europa einen Koala haben möchte, muss sich bei Volker Grün oder seiner Kollegin aus dem Duisburger Zoo melden. Sie führen ein Zuchtbuch. Darin stehen alle Koalas, die in Europa leben. Im August 2024 waren das 48 Tiere. Sobald in einem Zoo ein Koala geboren wird oder stirbt, bekommen die Koordinatoren eine Nachricht. Früher gab es richtige Bücher, die von Hand ausgefüllt wurden. Heute tippt Volker Grün die Änderungen in einen Computer. Jeder einzelne Koala hat eine Art Steckbrief. Darin steht, wie er heißt, wer seine Eltern sind, wann und wo er geboren wurde und in welchem Zoo er gerade lebt.
Wenn Koalas in einem europäischen Zoo geboren werden, entscheiden die Koordinatoren, was mit ihnen passiert. Manchmal dürfen sie an ihrem Geburtsort bleiben. Das ist gut für die Tiere. Sie müssen keinen langen Transport überstehen und sich nicht an eine neue Umgebung gewöhnen. Das ist aber nicht immer möglich. Zum Beispiel weil der Vater keinen jungen männlichen Koala neben sich duldet. Oder weil es vor Ort keine geeignete Partnerin für das Tier gibt. Dann geht der Koala auf Reisen.
Es kommt aber selten vor, dass so eine Entscheidung getroffen werden muss. Denn in den europäischen Zoos gibt es nur wenige Koalas und entsprechend wenig Nachwuchs. Vergangenes Jahr waren es nur drei Geburten. Deshalb bekam der Stuttgarter Zoo seine vier Koalas direkt aus Australien. Auch hierfür war die Genehmigung der Koordinatoren nötig. Volker Grün sagt: »Die australischen Tiere bringen frische Gene mit, das ist gut für die Zucht hier in Europa.« Navy und seine Begleiter haben noch keine Verwandten in den europäischen Zoos. Ihr Nachwuchs kann später gut mit Koalas aus anderen Tierparks getauscht werden.
Zoos müssen Tiere züchten – sonst wären ihre Gehege irgendwann leer, und die Besucher blieben weg. Außerdem tragen sie dadurch zum Artenschutz bei, denn bedrohte Tierarten können in Zoos erhalten werden. Auch Koalas stehen auf der Roten Liste gefährdeter Arten. Die pelzigen Tiere haben einen Vorteil: Viele Menschen finden sie niedlich. Als das Australienhaus im Stuttgarter Zoo 2023 eröffnet wurde, bildeten sich lange Schlangen vor dem Eingang. Viele Besucherinnen und Besucher wollten die Koalas sehen. Davon profitiert ein anderes bedrohtes Tier, das weniger Fans hat.
Im Nachtbereich des Australienhauses wohnen die Kowaris. Kleine, mausähnliche Wesen. Auch für sie koordiniert der Stuttgarter Zoo die europaweite Zucht. Besuchermassen lockt man mit ihnen aber nicht an, die meisten Menschen dürften sie übersehen. Durch die Menschen, die die beliebten Koalas sehen wollen, bekommt der Zoo einiges an Eintrittsgeld – das hilft auch den weniger beliebten Kowaris.
Volker Grün hofft, dass Navy in den nächsten Jahren Vater wird. Irgendwann wird Grün dann einen neuen Zoo für den Koala-Nachwuchs suchen. Die Warteliste ist lang.
Zoo in Duisburg:
Tierpfleger aus Niestetal kümmert sich um den ältesten Koala Europas
Im Zoo hatte der Opi viele Jahre eine wichtige Aufgabe: Nämlich den Artenerhalt, weil Koalas zu den gefährdeten Arten zählen. „Unser Irwin hat seine Gene an neun Jungtiere weitergegeben“, sagt Thaller, das sei nun aber Vergangenheit, zur Zucht werde Irwin nun nicht mehr eingesetzt.
Irwin hat Probleme mit dem Sehen
Trotz seines hohen Alters ist der Koala in einem guten gesundheitlichen Zustand. So habe er zwar den Grauen Star und sei insgesamt etwas schmächtiger geworden, doch grundsätzlich gehe es ihm gut, sagt sein Tierpfleger. Da bei den pelzigen Australiern der Gehör- und Riechsinn sowieso besser ausgeprägt ist als die optische Wahrnehmung, sie vor allem darüber kommunizieren und ihre Umwelt wahrnehmen, spiele das Sehen bei ihnen sowieso eine untergeordnete Rolle, erklärt Thaller.
Was Koalas angeht, ist Irwin schon eine Ausnahmeerscheinung: „Die Männchen können schon mal ruppig sein“, so Thaller, Irwin hingegen sei ein cooler Typ, den die Pfleger ohne Probleme anfassen könnten und der auch Tierarztbehandlungen entspannt über sich ergehen lasse. Selbst die tägliche Augentropfengabe ist bei dem ihm kein Problem. Und auch bei der Fütterung laufe er gelassen um die Tierpfleger herum. Bemerkbar macht sich sein ausgeglichenes Wesen zudem, wenn er im Sommer zur Außenanlage gebracht wird. „Im Gegensatz zu den anderen läuft er nämlich allein dort hin.“
Irwin wurde benannt nach Naturschützer
Wie ist Irwin eigentlich zu seinem Namen gekommen? Sein Namenspate ist kein Unbekannter, nämlich Steve Irwin. Der australische Zoodirektor, Tierfilmer und Naturschützer war eine TV-Persönlichkeit und setzte sich voller Leidenschaft für den Schutz von Wildtieren ein. Koalas schlafen übrigens sehr lange, da die Verdauung ihrer Nahrung, die Eukalyptusblätter, sehr viel Energie verbraucht. Schwer haben es die Beuteltiere, da 80 Prozent ihres Lebensraums inzwischen vernichtet wurde. Ungefähr 4000 Koalas werden jährlich überfahren oder von Hunden totgebissen.
Wenn Irwin mal nicht ruht, gehört das Schlafen von rund 20 Stunden täglich doch zu seiner Hauptbeschäftigung, genießt er ausgewählte Eukalyptusblätter, reibt seine Brustdrüse zum Markieren an einem Baumstamm oder gibt auch mal hirschähnliches Brüllen von sich. Immerhin ist er noch immer Chef in der Koala-Gruppe.
Ganz in Einzelgänger-Manier hat Irwin seinen Geburtstag allein verbracht. Anstatt Blumenstrauß gab es an diesem Tag eine extra große Portion frischer Eukalyptusblätter von der Plantage des Zoos „Zum Ehrentag hat er den allerersten Schnitt bekommen.“ Ungefähr ein Kilo der Blätter frisst der Koala täglich, wobei er sehr wählerisch ist. Denn: Vom angebotenen Grün nimmt er nur etwa ein Drittel auf, sucht sich die schmackhaftesten Blätter aus und lässt den Rest liegen.
Irwin wurde übrigens in einem Zoo in Sydney geboren und für die Zucht ins Ruhrgebiet eingeflogen. Wie lange der Koala-Senior noch leben wird, weiß man nicht: „Wir freuen uns jeden Tag, wo er wohl auf ist und hoffen, dass er noch lange bei uns sein wird“, sagt Thaller.